Das Mao-Porträt am Tiananmen-Platz

Das Mao-Porträt am Tiananmen-Platz
Das Mao-Porträt am Tiananmen-Platz

China. Ich stehe am Nordende des Tiananmen-Platzes. Schräg über mir hängt Mao. Er beobachtet mich. Und auch alle anderen, die sich auf dem Platz bewegen. Sein Blick überstrahlt die ganze Nordhälfte vom Platz des Himmlischen Friedens und wirkt wie ein Magnet. Kaum jemand geht an dem Mao-Porträt vorbei, ohne ein Foto oder Selfie zu machen. Es ist das am häufigsten abgelichtete Bildnis eines Menschen. Das Mao-Porträt am Tiananmen-Platz wurde zum Mythos und später zum Markenartikel Chinas. Es hat eine lange Geschichte und ich wollte wissen, was heute davon übrig geblieben ist. Meet Mao und erfahre in meinem folgenden Artikel, was dich am Tiananmen Platz und bei einem Besuch im Mao-Mausoleum erwartet.


Inhaltsübersicht und Schnellnavigation

Meeting Mao in China
Mythos und Markenartikel Chinas
Ein Bild der Rekorde
Das Mao-Porträt als Symbol für Protest
Ikone der Pop-Kultur
Proteste gegen den Personenkult um Mao
Das Mao-Mausoleum am Tiananmen-Platz
Und heute?


Meeting Mao in China

Es ist Mittagszeit, es ist heiß und der Platz ist noch relativ leer. Ich beobachte die Touristen, die sich vor Mao fotografieren. Je Minute wird Mao etwa zwanzigmal abgelichtet. Ich kehre zwei weitere Male zu dem Mao-Porträt zurück. Das erste Mal abends nach Sonnenuntergang. Die Chinafahne am Tiananmen Platz wurde gerade niedergeholt. Das zweite Mal nach Ende der Öffnungszeiten der Verbotenen Stadt. Die Fotos und Selfies, die nun mit Mao gemacht werden, kann ich nicht mehr zählen.


Mythos und Markenartikel Chinas

Der Tiananmen-Platz ist der größte befestigte öffentliche Platz weltweit. Er wird eingerahmt vom Tor des Himmlischen Friedens mit dem Mao-Porträt im Norden. Das Mao-Mausoleum liegt auf der südlichen Seite. Außerdem erheben sich rechts und links gewaltige Bauwerke im Stil des sozialistischen Realismus. Das eine Bauwerk ist das Chinesische Nationalmuseum, das andere ist die Große Halle des Volkes. Auf dem Platz selbst weht ferner die chinesische Flagge. Dort findet täglich zum Sonnenaufgang und -untergang eine rituelle Fahnenzeremonie statt. Hier erfahrt ihr mehr über die Fahnenzeremonie am Tiananmen-Platz.

Mao Zedong war von 1949 bis 1976 Vorsitzender des Zentralkomitees (ZK) der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh). Seit dem 30. September 1949 hängt sein Bildnis über dem Tor des Himmlischen Friedens. Darüber befindet sich die Tribüne, von der Mao 1949 die Volksrepublik China ausgerufen hat. Ein Platz von historischer Bedeutung also.

Bis zur Kulturrevolution wurde das Porträt allerdings nur zwei Mal im Jahr für jeweils etwa zehn Tage gezeigt. Aufgrund der bewussten Verknappung der Präsentation des Bildes bekam das Mao-Porträt noch mehr Aufmerksamkeit. Seit 1966 ist das Bild hingegen dauerhaft sichtbar. Im Todesjahr 1976 hing jedoch anstelle des farbigen Porträts ein Schwarzweiß-Foto.

Während meines Besuchs ist das Tor des Himmlischen Friedens aufgrund von Bauarbeiten eingerüstet und verhüllt. Nur das Mao-Porträt ist frei sichtbar. In Folge dessen wirkt Mao noch präsenter, denn der Blick wird noch stärker auf das Porträt gelenkt.    


Ein Bild der Rekorde

Das Mao-Porträt ist ein Bild der Superlative: Mit 6,40 Metern Höhe und 5 Metern Breite ist es das größte Herrscherbild der Welt. Mit einem Gewicht von über einer Tonne wahrscheinlich zudem auch das schwerste. Sicherlich ist es jedoch das am häufigsten reproduzierte Bildnis eines Menschen überhaupt. Alleine auf der Mao-Bibel wurde es bis 1968 etwa 2,2 Milliarden Mal verbreitet.

In der VR China war das Porträt allgegenwärtig: In öffentlichen Gebäuden, Schulen, privaten Wohnungen und auf Propagandaplakaten. Zusätzlich wurden unzählige Fotos von dem Bild gemacht. Es wurde zum Andachtsbild, dem mitunter Erlösungs- und sogar Wunderqualitäten zugeschrieben wurden. Mao-Worte wurden vor dem Bild rezitiert, Loyalitätstänze aufgeführt oder darüber hinaus fanatisch Kopien hergestellt. Das US-Satiremagazin The Onion brachte es schließlich auf den Punkt: „Riesiges Mao-Poster erringt die Macht in China“. So lautete die Überschrift einer fiktiven Meldung aus Peking vom 2. Oktober 1949. Auch heute noch ist sein Porträt allgegenwärtig. Denn es ist auf chinesischen Geldscheinen abgebildet: egal ob 1, 5, 10, 20, 50 oder 100 Yuan – auf allen ist das gleiche Bild von Mao zu sehen.

Das Mao-Porträt am Tiananmen-Platz ist zugleich Idol, Kunstobjekt, Mythos und Markenartikel. Doch vor allem ist es eine Illusion, die ein bewusst erzeugtes Image transportieren soll. Und zwar das Image eines alterslosen, väterlichen, über den Massen schwebenden gottähnlichen Führers. Sowohl auf einen Hintergrund als auch auf Herrschersymbole wird bewusst verzichtet. Durch die Wahl einer schlichten grauen uniformartigen Jacke wird die Person Mao in den Vordergrund gehoben. Die graue Jacke ist schließlich später als sogenannter Mao-Anzug berühmt geworden.


Das Mao-Porträt als Symbol für Protest

Mao’s Politik bedeutete für Millionen Chinesen den Tod. Dessen ungeachtet wurde das Bildnis zur Ikone der antiautoritären Proteste der 1960er Jahre. Ferner wurde es ab 1967 Symbol der Studentenbewegung in Westeuropa und den USA. Mao wurde somit zum Sinnbild des Protestes gegen die Konsumgesellschaft und den Kapitalismus.


Ikone der Pop-Kultur

Nach dem Besuch von Präsident Nixon in China im Jahr 1972 erschuf Andy Warhol eine Reihe von bunten Siebdrucken, die Mao zu einer internationalen Pop-Ikone machen. Mao wurde dabei verfremdet, sein Bildnis entideologisiert und aus dem historischen Kontext herausgerissen. Das Porträt eines Diktators bzw. das spätere Symbol gegen Kapitalismus wurde schließlich selbst zum teuer gehandelten Artikel des kapitalistischen Kunstmarktes. Aus diesem Grund werden original signierte Siebdrucke derzeit für bis zu 210.000 Dollar angeboten.


Proteste gegen den Personenkult um Mao

Doch das Mao-Porträt am Tiananmen-Platz war auch Ziel von politischem Protest. Im Frühjahr 1989 versammelten sich mehr als 200.000 Demonstranten. Drei junge Männer verübten dabei einen Farbanschlag verbunden mit der Forderung, den Personenkult zu beenden. Höhepunkt der Proteste war schließlich die Errichtung der „Goddess of Democracy“ gegenüber vom Mao-Porträt. Die Regierung schlug die Demonstrationen letztendlich blutig nieder und ein Panzer brachte die Freiheitsgöttin zum Einsturz. Ihr erinnert euch bestimmt an die bewegende Szene, die Reporter am 5. Juni 1989 gefilmt haben: ein Demonstrant hält eine Panzerkolonne am Tiananmen-Platz auf. Der Mann wurde später im Westen „Tank Man“ bekannt.


Das Mao-Mausoleum am Tiananmen-Platz

Ein Besuch im Mao-Mausoleum am Tiananmen-Platz gehört zu den Highlights eines Aufenthaltes in Peking und sollte unbedingt auf deiner To-Do-Liste stehen. Viele chinesische Touristen kommen hierher, um Mao zu ehren und dessen einbalsamierten Leichnam zu sehen. Der Personenkult um Mao ist hier im Mausoleum noch immer sehr lebendig. Lies hier mehr über meine Eindrücke aus dem Mao-Mausoleum.


Und heute?

Mao ist im heutigen China noch immer präsent, auch wenn der ideologische Kult einem eher unpolitischen Alltagskult gewichen ist. Die Souvenirshops bieten Kühlschrankmagneten und T-Shirts mit Mao-Aufdruck an. In den von mir besuchten Hotels, Imbissen und Restaurants habe ich allerdings keine Mao-Porträts hängen sehen. Möglicherweise hat ja das Bild noch einen weiteren Rekord gebrochen: das am häufigsten entsorgte Bild der Welt. Wer weiß.

Braucht ihr eine Pause von der großen Stadt und wollt ein bisschen frische Luft schnappen? Dann kann ich euch einen Ausflug zu der Chinesischen Mauer bei Jiankou wärmstens empfehlen. Hier kommt ihr zu meinem Artikel über eine selfguided Hiking Tour auf der Mauer vom Abschnitt Jiankou nach Mutianyu.


Wart ihr selber schon mal in Peking und habt das Mao-Porträt am Tiananmen-Platz gesehen? Wie hat es euch gefallen? Habt ihr noch Fragen zu meinem Artikel oder noch weitere Anregungen? Wenn ja, dann schreibt mir doch einen Kommentar!


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