Wie eine Sonnenbrille meine Augen öffnete und andere Augen zum Leuchten brachte

Sonnenbrillen Spenden Tibet
Die UV-Strahlung der Sonne ist im Hochgebirge ab 2.500 Meter besonders stark.

Tibet, Mount Kailash. Wir hatten Glück mit dem Wetter. Denn der Schnee kam erst am zweiten Tag unserer dreitägigen Trekkingtour um den Mount Kailash. An diesem Morgen bedeckte eine weiße Schicht die schroffe Berglandschaft. Der Himmel war verhangen und es war noch mehr Schnee und Wind für den Nachmittag angesagt. Doch bis dahin würden wir den 5.630 Meter hohen Drölma La Pass hoffentlich schon hinter uns haben.


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In der Nacht zuvor war es schon windig. Es zog kalt durch das Fenster neben meinem Bett. Doch es war nicht nur der Wind und die Höhe, die mich wach hielten. Ich war nervös wegen der Passüberquerung und wegen der Wettervorhersage. Während ich wach lag und auf den Schlaf wartete, ließ ich die Bilder unseres ersten Tages vor meinen Augen noch einmal ablaufen. Ein Meer aus Menschen und bunter Gebetsfahnen wurde wieder lebendig.


Ein Meer aus Menschen und bunten Gebetsfahnen

An dem erten Tag unserer Trekkingtour war der Höhepunkt des Saga-Dawa-Festes. Dies ist das bedeutendste Fest im Buddhismus, denn es werden gleich drei Ereignisse gefeiert: die Geburt, die Erleuchtung und der Tod Buddhas. Von dem kleinen Ort Darchen sind viele Gläubige daher zum Tarboche gepilgert. Dies ist ein Fahnenmast, der mit tausenden bunter Gebetsfahnen geschmückt und anschließend in der Mitte eines Tals am Fuße des Mount Kailash aufgestellt wird.

Nachdem der Tarboche aufgestellt war, starteten viele Besucher zu einer Umrundung des Mount Kailash. Diese Umrundung des heiligen Berges – auch Kora genannt – soll gut für das Karma sein und von Sünden befreien. Die Pilgerer waren fast ebenso bunt wie die Gebetsflaggen: Alte Menschen, junge Menschen, Familien mit Kleinkindern und sogar Frauen mit Babys auf dem Rücken. Unter die Tibeter mischten sich zudem zahlreiche Reisegruppen. Wir waren eine davon. Zwei Deutsche, zwei Kalifornier, sechs Australier, unser tibetischer Guide Sonam und sechs tibetische TrägerInnen und ein Notfall-Pony.


Gebetsfahnen und Sonnenbrillen

Am zweiten Tag starteten wir vor Sonnenaufgang. Sonam teilte unsere kleine Gruppe für die Passüberquerung auf. Die Schnelleren folgten Nima, der Tibeterin, welche die gemeinsame Tasche von mir und meinem Partner trug. Die Langsameren würden Sonam folgen.

Am Vormittag war es noch immer bewölkt. Doch trotz der grauen Wolken, hinter denen die Sonne verborgen war, blendete der Schnee. Oben am Bergpass kam der Wind dazu. Sobald ich meine Sonnenbrille abnahm, trieb er mir Tränen in die Augen. Schon bald setzte ich meine Sonnenbrille selbst zum Fotografieren nicht mehr ab.

Der Weg ging steil bergauf. Während wir über vereiste Stellen kletterten, hatte Nima immer ein Auge auf uns und war mit helfender Hand an unserer Seite. Sie hatte sich ihr pinkfarbenes Tuch um den Kopf gewickelt. Nur ihre Augen waren noch frei. Erst später sah ich auf einem Foto, wie sehr sie ihre Augen zu kleinen Schlitzen zusammengekniffen hatte.

Vielleicht war es die Höhe, die mein Denken etwas langsamer machte. Vielleicht auch die fehlende gemeinsame Sprache. Denn erst, als Nima anfing, sich eine große, dunkle Gebetsfahne über ihre Augen zu legen, erinnerten ich mich: wie meistens, so hatten wir auch diesmal etwas zuviel in unserem Gepäck. Doch dieses Mal waren wir dankbar dafür. Denn mit im Gepäck war noch eine dritte Sonnenbrille. Und diese hatte grade eine neue Besitzerin gefunden.


Das Projekt „Shades of Love”

Das Saga-Dawa-Fest ist eine Zeit, um Verdienstvolles zu tun und anderen eine Freude zu machen. Die Freude, die wir Nima mit der Sonnenbrille machten, wärmte unsere Herzen in dem kalten Wind des tibetischen Hochlands. Es war eines der sinnvollsten und schönsten Geschenke, die mein Partner und ich je gemacht haben.

Fünf Monate nachdem ich aus Tibet wieder zurück war, wurde ich auf das Projekt „Shades of Love“ aufmerksam. Angeregt durch dieses Projekt schrieb ich schließlich diese kleine Geschichte über ein großes Geschenk nieder. „Shades of Love“ sammelt alte und neue Sonnenbrillen und verteilt diese an Bewohner in den abgelegenen Hochgebirgsregionen des Himalaya und der Anden. Denn dort, in Höhen ab 2.500 Metern, ist die UV-Strahlung besonders stark. Viele der hier lebenden Menschen leiden an Augenerkrankungen. Die gespendeten Sonnenbrillen helfen den Menschen dort, ihrer täglichen Arbeit nachgehen zu können. Sie erhöhen dabei nicht nur die Lebensqualität, sondern tragen vielmehr zur Existenssicherung der Menschen in diesen abgelegenen Regionen bei.


Ihr wollt mehr über „Shades of Love“ wissen?
Lest hier, wie ihr das Projekt unterstützen könnt.


Du planst eine Reise nach Tibet? Dann interessieren dich bestimmt auch meine Artikel über den Barkhor in Lhasa, den Potala Palast, das vergessene Königreich Guge sowie mein etwas längerer Artikel über unsre dreitägige Trekkingtour um den Mount Kailash.

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