Japan. Hokkaido, die nördliche Insel Japans, ist im Winter ein lohnenswertes Reiseziel für Wildtierfotografen. Besonders der Osten der Insel ist für seine reiche Tierwelt bekannt. Hier lassen sich Mandschurenkraniche bei ihren eleganten Tänzen beobachten, Seeadler beim Fischfang fotografieren, Singschwäne an warmen Quellen und Rotfüchse in der frostigen Landschaft entdecken. Auch die Sikahirsche sind faszinierend zu beobachten, an manchen Orten sogar direkt am Straßenrand. Im folgenden Artikel berichte ich von meiner Winterreise zu den besten Wildlife Spots von Hokkaido und gebe euch praktische Tipps für eure eigene Reiseplanung.
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Die Mandschurenkraniche – Tänzer im Schnee
Westlich der Hafenstadt Kushiro liegt Kushiro-Shitsugen-Moor. Es ist das größte Feuchtgebiet Japans, UNESCO-Ramsar-Schutzgebiet und womöglich der bekannteste Ort für Wildlife Watching in Hokkaido. Im Winter wirkt es wie ein weißes Labyrinth aus gefrorenen Flussarmen und Schneegras. Genau hierher ziehen im Winter die Mandschurenkraniche (Grus japonensis). Sie sind eines der bekanntesten Symbole Japans und waren für mich der Hauptgrund für meine Reise nach Hokkaido.



Am Tag nach der Ankunft begrüße ich unseren Guide von Picchio. In einem kleinen Mitsubishi-Bus macht sich unsere kleine Gruppe auf zu den Kushiro-Feuchtgebieten. Es schneit und wir kriechen mit Tempo 40 über die Landstraße. Ob wir bei dem Wetter überhaupt eine Chance haben, Kraniche zu sehen? Doch unser Guide ist zuversichtlich.
Zuerst statten wir dem On’nenai Visitor Center einen Besuch ab und stapfen auf verschneiten Holzstegen durch das Sumpfgebiet, wo im Sommer auch Kraniche brüten. Dann sehe ich meinen ersten Kranich – als Pappmodell in der Ausstellung. Ich bin beeindruckt, er ist riesig! Ausgewachsen messen die Tiere bis zu 1,60 Meter Körpergröße und bis zu 2,50 Meter Flügelspannweite. Ich werde ungeduldig und kann es kaum abwarten, zum Beobachtungspunkt zu kommen und endlich einen echten Kranich zu sehen.

Winterfütterungen der Mandschurenkraniche
Wenn ich in Deutschland Kraniche beobachte, muss ich vorsichtig sein. Bei ihrer langen Fluchtdistanz sind die Tiere sonst mit tosenden Trompetenrufen schnell verschwunden. Hier, in Kushiro, ist alles ganz anders. Ich lege meine Kamera auf das Holzgeländer auf und fange an zu fotografieren. Die Mandschurenkraniche füllen mein ganzes Kamerabild aus, so nah sind sie. Vor der Absperrung ist reges Treiben: Leute kommen und gehen, unterhalten sich, fotografieren. Hinter der Absperrung sind die Kraniche die Ruhe selbst. Der Schnee rieselt und die Kraniche suchen am Boden nach Maiskörnern, die im Winter zweimal täglich ausgestreut werden. Die Tiere haben gelernt, dass die Menschen hinter der Absperrung bleiben und dass sie von bestimmten Menschen gefüttert werden. Dafür wurden drei verschiedene Stellen in den Kushiro-Feuchtgebieten eingerichtet.

An meinem zweiten Beobachtungstag konnte ich die Fütterung sogar miterleben. Schon lange vorher treffen die Tiere ein, tänzeln aufgeregt, ihre rote Kopfplatte schwillt an und zeigt sich in kräftiger Farbe. Scheu sind die Tiere in diesen Momenten keineswegs und dass sie von zig Fotografen abgelichtet werden, ist ihnen vielleicht ganz recht. Denn so können sie ihre eigene Geschichte und den großen Erfolg des hier laufenden Artenschutzes in der ganzen Welt erzählen.


Mehr über die Mandschurenkraniche, wie sie vor dem Aussterben gerettet wurden und wo ihr sie am besten beobachten könnt, erfahrt ihr in meinem separaten Artikel Kraniche in Hokkaido beobachten: Locations und Fototipps.
Sikahirsche – Überlebenskünstler des Winters
Nach einem langen Tag an den Fütterungsstellen der Kraniche geht’s zurück nach Kushiro. Es ist noch eine Weile hell, daher nehmen wir die kleine, längere Straße mitten durch das Feuchtgebiet. In der verschneiten Landschaft sehen wir noch einzelne Kraniche beim Stibitzen von Viehfutter und wir halten an einer Pferdeweide, auf der eine Gruppe Hokkaido-Ponys, einer alten traditionellen Pferderasse, dem Winter trotzen. Nach einigen Kilometern verändert sich die Landschaft, rund um uns sind Seen, knorrige Bäume und plötzlich stehen drei Sikahirsche vor uns auf der Straße. Im Dämmerlicht geht es ab jetzt nur noch langsam voran, denn an den Straßenrändern sehen wir immer wieder Sikahirsche. An diesem Abend hätte ich nicht für möglich gehalten, was mich später auf der Notsuke-Halbinsel erwartet hat.

Der Sikahirsch (Cervus nippon yesoensis) ist auf Hokkaido allgegenwärtig und prägt die Landschaft ebenso wie die Kultur der Insel. Ursprünglich ein Waldbewohner, hat er sich längst auch in offene Küstenregionen und landwirtschaftliche Flächen ausgebreitet. Besonders im Winter, wenn es im Landesinneren tief verschneit ist, ziehen viele Sikahirsche an die Küsten. Dort fressen sie nicht nur Gräser und Sträucher, sondern auch angeschwemmten Tang und Algen – eine ungewöhnliche, aber nahrhafte Ergänzung ihrer Kost. Die Population gilt als eine der größten weltweit und wächst trotz regulierter Jagd stetig, was zu Konflikten mit der Forst- und Landwirtschaft führt. Zugleich sind die Hirsche fest im japanischen Naturverständnis verankert und die stolzen Tiere mit ihrem markanten weißen Spiegel lassen sich in vielen Regionen Hokkaidos beobachten.


Die Hirsche der Notsuke-Halbinsel
Als ich auf der schmalen Landzunge der Notsuke-Halbinsel stehe, weht der Wind eisig vom Meer herüber. Schon auf der Zufahrt entdecke ich die ersten Tiere am Straßenrand, die gelassen im trockenen Gras äsen. Dann stoße ich auf eine größere Gruppe, die sich in der Nähe der Fischereigeräte und Boote, ganz nah am Straßenrand aufhält. Die Hirsche scheinen an die Anwesenheit von Menschen gewöhnt, sie heben die Köpfe, fixieren mich kurz mit wachen Augen und widmen sich dann wieder dem Fressen oder spielerischen Rangkämpfen. Besonders eindrucksvoll ist zu sehen, wie sie in kleinen Trupps durch die verschneite, karge Landschaft ziehen und perfekt an die harschen Bedingungen des Winters angepasst scheinen.
Lies mehr über Wildtiere und Landschaften im Winter auf der Notsuke-Halbinsel.


Rotfüchse – Schlaue Kulturfolger
Hokkaidos Rotfüchse haben im Winter ein besonders buschiges Fell. Sie wirken dadurch viel größer als unsere Füchse daheim. Und sie sind weit weniger scheu. Schon bald finde ich heraus, woran das wohl liegen mag: Die am Straßenrand laufenden Füchse werden immer wieder aus den Autos heraus gefüttert. Ein Fuchs geht dabei besonders zielstrebig vor. Er setzt sich an den Straßenrand, wartet, bis ein Auto anhält, und geht dann erwartungsvoll direkt zur Fahrerseite, wo er aus dem offenen Fenster einen Snack zugeworfen bekommt. Das Verkehrschaos lässt nicht lange auf sich warten. Weitere Autos halten, Leute laufen auf die Straße und während der Fuchs kokett posiert, fluchen manch andere Autofahrer, die weiter wollen. Einer wird ungeduldig und schlängelt sich mit unangemessen hoher Geschwindigkeit zwischen Tier und Menschen durch. Hier lief so vieles falsch und ich bin froh, als sich der Fuchs trollt und die Autos weiterrollen.

Der Rotfuchs (Vulpes vulpes schrencki) ist auf Hokkaido weit verbreitet und für Besucher kaum zu übersehen. Oft streifen die Tiere mit ihrem dichten, rötlich-braunen Fell am frühen Morgen oder in der Dämmerung über Felder, Waldränder und sogar durch Dörfer und Städte. Sie sind anpassungsfähig und nutzen neben natürlicher Nahrung wie Mäusen, Vögeln und Insekten auch Abfälle oder Futter, das von Menschen angeboten wird. Diese Nähe birgt jedoch Risiken. Viele Füchse leiden zudem an Parasiten wie dem Fuchsbandwurm, weshalb man direkten Kontakt vermeiden sollte. Die neugierigen, wachsamen Tiere mit ihren buschigen Schwänzen und ihrer Eleganz üben eine große Faszination aus und gehören für viele Reisende zum typischen Naturerlebnis auf Hokkaido.


Seeadler – Herrscher der Lüfte
Die Reise geht weiter zur Shiretoko-Halbinsel im Nordosten Hokkaidos. Die Berge und Küsten hier gehören zu einer der wildesten Regionen Japans und ziehen Wanderer mit unberührten Wäldern, Wasserfällen und weiten Ausblicken über das Ochotskische Meer an. Gleichzeitig leben dort viele Ussuri-Braunbären. Wanderer werden daher angehalten, Bärenglocken zu tragen, Lebensmittel sicher zu verstauen und sich vor Touren über aktuelle Sichtungen und Sicherheitsregeln zu informieren. Selbst im Winter kann es zu Begegnungen kommen, denn nicht alle Bären halten hier eine durchgehende Winterruhe. Doch sehr viel wahrscheinlicher ist es, hier im Winter einem der Könige der Lüfte zu begegnen: dem Seeadler.

Im Winter versammeln sich an der Küste von Hokkaido außergewöhnlich viele Riesenseeadler (Haliaeetus pelagicus) und Weißschwanzseeadler (Haliaeetus albicilla). Die Riesenseeadler brüten im Sommer vor allem an den Küsten Ostsibiriens, insbesondere auf Kamtschatka und den Kurilen, und ziehen im Winter südwärts nach Hokkaido, wo das Meer erst ab Mitte Februar vom Drifteis bedeckt wird. Schätzungen zufolge halten sich im Winter mehrere tausend Individuen auf Hokkaido auf – fast ein Drittel des Weltbestandes. Auch viele Weißschwanzseeadler, die ein großes Brutareal von Skandinavien bis Fernost haben, überwintern auf Hokkaido. Beide Arten profitieren von den reichen Fischbeständen der Halbinsel Shiretoko, was die Gegend zu einem der weltweit besten Beobachtungsorte für Seeadler macht. Fündig wird man leicht, wenn man die hohen Bäume an der Küste absucht oder einfach nur eine Weile in den Himmel schaut. Die besten Orte für die Beobachtung sind rund um Utoro, Rausu, auf der Notsuke Halbinsel sowie bei dem Lake Furen und Nemuro.
Ausflugsfahrt zu den Seeadlern
Der Hafen von Rausu liegt früh am Morgen noch verschlafen unter seiner Schneedecke. Nur vor dem Ausflugsschiff sammeln sich ein paar warm eingepackte Birdwatcher, um die Seeadler zu sehen. Weit fahren müssen wir dafür nicht. Bereits auf der Außenmauer des Hafens hocken mehrere Riesenseeadler und Weißschwanzseeadler und schauen unserem Boot hinterher. Sie machen sich startklar fürs Frühstück. Angelockt von Fisch, kreisen schon bald Dutzende Adler über unserem Schiff, stürzen sich hinab und ergreifen mit ihren kräftigen Klauen einen Fisch nach dem anderen.







Singschwäne – Elegante Wintergäste
Auf dem Weg zum Kussharo-See ist der Winter unerbittlich und es geht mit aller Vorsicht über den Bihoro-Pass. Angekommen in Kusshar, waren die Straßen tief verschneit, doch unser Wagen bringt uns ohne Schwierigkeiten bis zum See. Schnee und ein beißender Wind fegen über das Ufer. Ich mache meine Kamera startklar, stecke sie in einen wasserdichten Beutel und wage mich raus. Werden die Schwäne bei diesem Wetter überhaupt hier sein?
Doch schon nach ein paar Metern sehe ich gut zwei Dutzend Tiere, die vor einigen wetterfesten Beobachtern ihre schönste Seite zeigen. Während ich mich hinter einer Wand in den Windschatten kauere, strecken die Singschwäne ihre langen Hälse in voller Eleganz, als würde das Wetter sie überhaupt nicht berühren. Schon bald wird mir klar, warum sich hier so viele Tiere tummeln. Es ist nicht nur das warme Wasser der heißen Quellen, welches diesen Abschnitt am Sunayu Onsen eisfrei hält, sondern auch die Winterfütterung, die das Ostufer des Kussharo-Sees so beliebt macht. Mit großen Löffeln wird Körnerfutter ausgestreut und die weiter entfernt schwimmenden Schwäne beeilen sich, um nicht zu kurz zu kommen. Mitten in dem Spektakel klart es etwas auf und die Berge am anderen Ufer des Sees bilden einen tollen Kontrast zu dem weißen Gefieder der Schwäne.

Kussharo-See als Winterquartier
Der Kussharo-See im Osten Hokkaidos ist im Winter ein wichtiger Sammelplatz für Singschwäne (Cygnus cygnus). Durch geothermische Aktivität bleiben einige Uferbereiche auch bei strengem Frost eisfrei, so dass die Vögel dort Nahrung finden und rasten können. Jährlich verbringen mehrere Hundert bis über tausend Tiere die kalte Jahreszeit am See, bevor sie im Frühjahr in ihre Brutgebiete nach Sibirien zurückkehren. Die Schwäne ernähren sich überwiegend von Wasserpflanzen, nehmen aber in den touristisch erschlossenen Bereichen auch Futter von Besuchern an. Ihre Anwesenheit macht den Kussharo-See zu einem der bekanntesten Beobachtungsorte für Wintervögel in Japan. Für die Besucher gibt es hier eine Raststätte mit Restaurant und Souvenirladen. Ein weiterer guter Ort zur Beobachtung von Singschwänen ist am Lake Tofutsu am Visitor Center des Hakucho Parks.



Ein letzter Blick am Abend
Als ich abends am Ufer des Kussharo-Sees stehe, verabschiede ich mich von den Schwänen und von Hokkaidos wilder Natur. Morgen geht es zurück nach Kushiro und am Tag darauf über Tokyo zurück nach Berlin. Ein Trupp Schwäne zieht an mir vorbei, ihre Rufe hallen durch die klare Winterluft. Hinter mir steigt Dampf aus den heißen Quellen. Die größte Bedrohung für viele Wildtiere in Hokkaido ist der Verlust ihres Lebensraums. Landwirtschaft, Urbanisierung und Klimawandel verändern die Ökosysteme rapide. Gleichzeitig steigt das Interesse am Wildtier-Tourismus, was zu Störungen führen kann, wenn Besucher sich den Tieren rücksichtslos nähern. Schutzmaßnahmen konzentrieren sich auf die Ausweisung von Schutzgebieten und regulierte Fütterungsprogramme.
Kushiro, Notsuke, Shiretoko, Kussharo: Es sind Orte, die nicht nur Landschaften sind, sondern Geschichten erzählen über das Miteinander von Menschen und Tieren: über Naturschützer, die Fütterungen durchführen, über Fischer, die vom Meer leben, über Naturtouristen und Wildtierfotografen, die ihre Erlebnisse erzählen und Hokkaidos Tierwelt in der Welt lebendig machen.

Die Verantwortung der Fotografen und Naturtouristen
Als Wildtierfotograf trägt man eine besondere Verantwortung für den Schutz der Wildtiere. Jede Störung kann Auswirkungen auf das Verhalten der Tiere haben – ob ein gestörter Kranich, der seine Brut verlässt, oder ein gestresster Hirsch, der Energie verliert, die er für den Winter dringend braucht. Es muss immer ein ausreichender Abstand eingehalten werden, um die Tiere nicht in ihrem natürlichen Verhalten zu beeinträchtigen. Langsamkeit und Geduld sind hier entscheidend: Wer sich ruhig verhält und die Tiere nicht aufscheucht, wird mit authentischen, natürlichen Aufnahmen belohnt.
Ebenso wichtig ist es, sich an die Regeln der Naturschutzgebiete zu halten. Wege und markierte Fotospots gibt es nicht ohne Grund – sie sind so platziert, dass die Tierwelt möglichst wenig gestört wird. Wildtierfotografie in Hokkaido ist ein einzigartiges Erlebnis, das atemberaubende Bilder und unvergessliche Begegnungen mit sich bringt. Doch um diese Schönheit zu bewahren, müssen Fotografen als Botschafter der Natur handeln: mit Respekt, Wissen und einem Bewusstsein für den Schutz der Tiere.

Büchertipps für Hokkaido und Wildlife Fotografie
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