Lost Place Glashütte Haidemühl: Birken, Glas und Kaliumcarbonat

Lost Place Glashütte Haidemühl

Deutschland. Gleich hinter dem offen stehenden Eingangstor zum Gelände der Glashütte Haidemühl reihen sich zehn feuerverzinkte Stahlcontainer auf. Einige davon sind offen. Anfassen, um sie zu schließen, will wohl keiner mehr. Sie sind randvoll mit schwarzer Schmiere. Ich kann einzelne Behälter erkennen, die von dicker schwarzer Kruste an der Oberfläche gehalten werden. Es sind Plastikflaschen und Alukanister. Auf einem erkenne ich etwas Schrift auf einem vergilbten Etikett. “Entzündlich” steht drauf. Auf dem Kanister liegt ein kleines gelbes Blatt von einer Birke. Daneben kleben einige Birkensamen im schwarzen Schleim.

Beim Blick in die Stahlcontainer tun sich dunkle Abgründe auf.

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Die zehn Container am Eingangstor sind randvoll mit Sondermüll.

Es war einmal… Glanz und Glorie in der Glashütte Haidemühl

Die erste Glashütte in Haidemühl wurde im Jahr 1835 vom Glasfabrikanten Greiner errichtet. Hier wurden Hohlgläser, Lampenschirme und Parfümgläser hergestellt. Es folgten mehrere Wechsel der Besitzer, Konkurs, Rekonstruktionen, kriegsbedingte Betriebseinstellungen und schließlich Modernisierungen in den 60er Jahren. Damals galt die Glashütte Haidemühl als eines der modernsten Werke der DDR. Rund 1280 Menschen hatten hier ihre Arbeit. Nur hier wurden ab 1971 die 0,5 Liter Milchflaschen hergestellt, die damals auf fast jedem Frühstückstische standen. Sie wurden sogar in den Westen exportiert. Rund 345.000 Flaschen sollen hier jeden Tag vom Band gelaufen sein.

Die Tore und Türen der ehemaligen Glashütte stehen weit offen. Nichts ist abgesperrt. Warn- oder Verbotsschilder gibt es nicht.

Nach der Wiedervereinigung übernahm dann die Treuhand das Werk und verkaufte es an einen Investor aus dem Westen. Investiert wurde hier jedoch nichts mehr. Im Gegenteil: die Maschinen wurden verkauft und kurz darauf, im Jahr 1992, wurde die Produktion eingestellt. Das Schicksal der Glashütte war zu dieser Zeit kein Einzelfall. Vielen Betriebe der früheren DDR erging es ähnlich. Und bei vielen wurde nicht aufgeräumt, Altlasten und Müll blieben an Ort und Stelle. Umweltskandale wurden oft erst viele Jahre später aufgedeckt.


Birken und tonnenweise Kaliumcarbonat

Ich gehe weiter und komme zu einer großen Halle. Hier haben die Birken schon Wurzeln geschlagen. Wählerisch sind diese ja nicht, sie wachsen als Pionierpflanzen fast überall. Unter dem undichten Dach der Halle stapeln sich unzählige Säcke mit Kaliumcarbonat aus Taiwan (Taiwan Pulp & Paper Co.) und Südkorea (Korea Potassium Chemical Co. Ltd.). Jedes Gebinde enthält 1000 Kilogramm. Viele sind im Laufe der Zeit aufgeplatzt und das Pulver verteilt sich über den Boden der Halle. Dort, wo das Hallendach eingestürzt ist, wächst Moos auf dem weißen Pulver. Daneben liegen löchrige Säcke voller Glasscherben. Nein, wählerisch sind die Birken wirklich nicht.

Auf den offenen Kaliumcarbonatsäcken wächst Moos und einzelne Birken haben sich angesiedelt.

An den Wänden der Lagerhalle bringen ein paar bunte Graffiti Farbe und Frohsinn in die graue Tristesse des Glaswerks. Ich hoffe, die Sprayer haben keinen Pulverstaub eingeatmet. Denn Kaliumcarbonat kann schwere Reizungen der Atemwege hervorrufen. Auch die Augen werden von dem ätzende Staub angegriffen. In den Sicherheitsdatenblättern wird beim Arbeiten mit Kaliumcarbonat das Tragen von Handschuhen und Atemmaske geraten.

Tonnenweise Glasscherben

Kaliumcarbonat – Verwendung und Wirkung

Kaliumcarbonat ist auch als Pottasche bekannt. Als Backtriebmittel ist es eine traditionelle Zutat insbesondere für Weihnachtsgebäck. Hier in der Glashütte Haidemühl wurde es als Flussmittel bei der Glasproduktion eingesetzt. Mit Hilfe der Flussmittel werden die Schmelztemperaturen von gebranntem Kalk (2500 °C) und Quarzsand (1700 – 2000 °C) auf rund 1450 °C, die normale Betriebstemperatur im Glasofen, gesenkt und somit Energie gespart.

Bei Kontakt mit der Haut kann Kaliumcarbonat ätzend wirken. Sicherheitsdatenblätter warnen vor schweren Haut-, Augen- und Atemwegsreizungen beim Menschen. Gleiches trifft vermutlich auch für die Schleimhäute von Tieren zu, die sich zu nah heranwagen.

Das Kaliumcarbonat ist mitsamt der Behälter als gefährlicher Abfall zu entsorgen.

Das Pulver soll in dicht verschlossenen Behältern an einem trockenen Ort aufbewahrt werden. Dabei ist das Eindringen in die Kanalisation, in Oberflächen- und Grundwasser sowie in das Erdreich zu verhindern. In Wasser ist Kaliumcarbonat sehr leicht löslich. Die Lösung reagiert durch Bildung von Hydroxidionen alkalisch. Von Kaliumcarbonat selbst sind keine ökotoxikologischen Wirkungen bekannt. Biologische Effekte werden hauptsächlich durch die Erhöhung des pH-Wertes im Gewässer verursacht. Denn der pH-Wert ist ein sehr wichtiger Regulator von chemischen und biologischen Prozessen. Stark saure und alkalische Verhältnisse können auf Organismen toxisch wirken. So kann zum Beispiel ein zu hoher pH-Wert im Wasser vorhandenes Ammonium in für Fische giftiges Ammoniak umwandeln.

Was für ein Kontrast!

Es tut sich nichts

Aber warum gammeln an der Glashütte Haidemühl nach 30 Jahren noch immer die Altlasten vor sich hin? 

Ein Jahr nach Einstellung des Betriebes der Glashütte Haidemühl wurde festgelegt, dass der Fabrikstandort und die umliegende Ortschaft dem Braunkohletagebau weichen sollten. Die Einwohner der Siedlung sind schon vor langem umgesiedelt. Die LEAG, die den Braunkohletagebau Welzow-Süd betreibt und auch hier Braunkohle abbauen will, hat den Kauf bisher nicht abschließen können. Grund sind je nach Quelle ungeklärte Eigentumsverhältnisse oder unterschiedliche Vorstellungen zum Kaufpreis.

Vielleicht hat ja das Superschaf eine Lösung für die Altlasten parat…

Für die Gemeinde Welzow ist das Grundstück schon lange ein Greul. Auf meine Anfrage hin versicherte die Bürgermeisterin, dass die Gemeinde “seit Jahren alles unternommen haben, um diese desolaten und nur schwer akzeptierbaren Zustände zu beseitigen. Wir stehen mit allen Beteiligten in einem ständigen Austausch. Das Bergbauunternehmen ringt um eine Lösung, die hoffentlich in den nächsten Jahren zu einer sach- und fachgerechten Entsorgung der Altlasten führen wird.”   

Alte Förderbänder
Zwischen den Hallen stapeln sich haufenweise leere Glasflaschen.

Zwischen den Hallen haben die Bäume nach 30 Jahren schon eine stattliche Größe erreicht. Es scheint sie nicht zu stören, dass sich ihre Wurzeln den Weg zwischen Glasscherben suchen müssen. Die Glasflaschen leuchten nach 30 Jahren immer noch, wenn die Sonne auf sie scheint. Die meisten sind grün. Nur ab und zu sehe ich durchsichtige Glasflaschen. In ihrem Innern wächst Moos, das sie langsam aber sicher grün färbt.

Neben einer Baracke liegen Ordner mit technischen Zeichnungen, Preiskataloge und andere Dokumente.

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