Indonesien. Wer reist, erlebt was. Oft auch Dinge, mit denen er nicht im Mindesten gerechnet hat. Dinge, die in keinem Reiseführer stehen, an die man sich aber sein Leben lang erinnert. Eine solche Reise war für mich die Kajaktour in Indonesiens Inselparadies Misool, die uns entlang bizarrer Kalksteininseln, einsamer Sandstrände bis tief in den Dschungel und Meereshöhlen führte. Ich zeige euch ein Naturparadies über und unter Wasser, berichte über Gastfreundschaft, Hilfsbereitschaft und darüber, wie es dazu kam, dass einer meiner ärgsten Alpträume wahr wurde.
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Indonesiens Inselwelt Misool Ein Traum aus Türkis, Blau und Grün
Das Inselarchipel Misool ist Teil von Raja Ampat und ist bekannt für seine vielen kleinen Inseln, die sich aus dem türkisfarbenen Wasser erheben. Bereits die ersten Paddelschläge bringen uns in eine Szenerie, die surreal erscheint: Kalksteinfelsen, die mit tropischem Grün überwuchert sind, versteckte Strände, kristallklares Wasser und eine reiche Unterwasserwelt, die direkt unter unseren Kajaks sichtbar wird. Die Korallenriffe hier zählen zu den artenreichsten der Welt und sind Heimat für farbenfrohe Fische, darunter Rochen und Haie, sowie für Delfine und Schildkröten. Die Artenvielfalt und das warme Wasser machen Raja Ampat zu einem der weltbesten Tauchreviere.

Im Mai 2007 erklärte die Regierung von Raja Ampat ein Netzwerk von sieben Marine Protected Areas als Meeresschutzgebiet (MPA). Heute gibt es 10 MPAs, die zusammen fast 35.000 Quadratkilometer und etwa 45% der Korallenriffe und Mangroven von Raja Ampat bedecken. Misool bildet das Herz eines 1.220 Quadratkilometer großen Meeresschutzgebietes. Hier gibt es gerade mal ein Tauchresort und neun Homestays. Es ist abgelegen, einsam und nicht ganz so stark vermüllt wie der Rest von Indonesiens Stränden.


Kalksteininseln, die wie Pilze aus dem Wasser ragen, prägen die Landschaft. Die Ufer sind oft steil und es gibt Höhlen und einsame Strände. Die Korallenriffe unter Wasser sind weitgehend intakt. Doch auch hier zeigen einzelne Stellen die Korallenbleiche und erinnern an das weltweite Artensterben. Neben den kleinen Inseln gibt es als “Festland” bezeichnete größere Inseln mit Mangroven und dichtem Dschungel. Hier leben Krokodile, Wildschweine und Waldkängurus.



Mit dem Seekajak in Misool unterwegs – Freud und Leid des Paddelns
Wir waren zehn Tage mit dem Kajak in Misool unterwegs. Zwei Guides von Millekul Adventures, Gilang und Amos, führten unsere kleine Gruppe von acht Leuten durch Misools Inselwelt bis in den Dschungel und zurück. Wir schliefen in Zelten, in Homestays oder einfach mal ohne alles auf einer überdachten Plattform neben einer riesigen Meereshöhle mit Tropfsteinen. Unsere Tagesetappen waren zwischen neun und 23 Kilometern lang. Wir starteten mit kurzen Tagesetappen und als unsere Arme dann später ans Paddeln gewöhnt waren, wurden unsere Paddeletappen länger.
Bereits am ersten Tag fühlte ich mich durch die enorme Hitze und Luftfeuchtigkeit wie erschlagen. Zum Glück wehte auf dem freien Wasser meist eine kleine oder größere Brise und wem es zu warm war, der hüpfte kurz zur Abkühlung vom Kajak ins Wasser. Wir haben ja schließlich zum Beginn der Tour den Wiedereinstieg ins Kajak nicht umsonst ausgiebig geübt. Trocken wurde hier sowieso nichts mehr. Salzwasser, Schweiß und fast jeden Nachmittag Regenschauer, die sich gewaschen hatten. Die Finger quollen auf und sahen bald aus wie die Rinde einer alten Eiche.






Ich hatte keine Ahnung, dass es im Dschungel nochmal zwei Nummern härter werden sollte: kein Wind und kein erfrischendes Bad im Fluss, denn in den Mangroven könnte ein Krokodil lauern. Die Feuchtigkeit hing in Form feiner Nebeltropfen in der Luft. Ganz besonders sah man die Feuchtigkeit abends im Schein der Taschenlampe. Aus Sandstrand wurde Schlammbad und wir mussten unsere Toilette mit noch mehr fliegenden und krabbelnden Insekten teilen. Auch das Klopapier war trotz wasserdichtem Klopapierbeutel schon bald durchnässt und unbrauchbar.
TIPP:
Den Reißverschluss am Zelt sorgfältig schließen. Denn auch die grösste Spinne findet die kleinste Öffnung.
Löcher im Mesh-Netz kann man mit Tape oder Pflastern einfach abdichten.




Von Felslabyrinthen, Dschungel und einer Meereshöhle wie aus dem Märchenbuch
Unser tägliches Leben auf Tour lässt sich ganz knapp mit vier Wörtern beschreiben: ESSEN, PADDELN, ESSEN, SCHNORCHELN, PADDELN, ESSEN, SCHLAFEN. Klingt ziemlich eintönig, oder? Dann geh ich mal etwas mehr in die Details:
Geschicklichkeitstraining im Kajak-Playground
Unsere schwedischen Einerkajaks waren super wendig. Das nutzten wir im Kajak-Playground aus und übten unsere Geschicklichkeit in engen Passagen zwischen Kalksteinfelsen oder paddelten unter Torbögen hindurch. Unser Guide, Gilang, zeigte uns rund 4000 Jahre alte Felsmalereien und ab und zu sahen wir Schildkröten oder Delfine vor unseren Paddelbooten. Langweilig wurde es nie. Manchmal sorgte der eine oder andere Teilnehmer mit einer Kenterung für extra Unterhaltung: Hier, im Kajak-Playground, ging die erste Stirnlampe baden (die “Handtasche” war nicht richtig verschlossen und es drang Wasser ein). Die Kontakte korrodierten durch das Salzwasser schneller, als wir gucken konnten.




Blue River im Dschungel von Misool
Über den Blue River tauchten wir schließlich tiefer in den Dschungel ein. Zuerst paddelten wir durch Mangrovenwälder, später wurde der Fluss dann schmaler und unser Guide Amos hat unseren Weg mit der Machete von umgefallenen Palmen befreien müssen. Das Wasser war hier kühler im Dschungel und wir füllten unsere Wasserbeutel an einer Frischwasserquelle auf. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich mal Wasser aus einem Dschungelfluss trinke, ohne es vorher zu kochen oder mit einer Chemiekeule zu behandeln. Doch es ist uns allen wohlbekommen.






TIPP:
Auch die Füße wollen ab und zu trocknen. Das fällt schwer, wenn man ständig im Wasser oder in nassen Paddelschuhen oder Sandalen unterwegs ist. Auch wenn niemand gerne darüber redet: Hier droht Fußpilz! Pack am besten eine Fußpilzcreme in dein Erste-Hilfe-Päckchen. Ebenfalls ins Erste-Hilfe-Päckchen gehören ein Wunddesinfektionsspray und eine Wundcreme für Kratzer und Scheuerstellen, die unweigerlich kommen werden.
Höhlen-Paddeln zum Jahresende
Eines der vielen Highlights unserer Kajaktour in Misool hatte Gilang für den Silvestertag aufgehoben: Wir sind in eine riesige Meereshöhle hineingepaddelt und dabei aus dem Staunen nicht mehr rausgekommen. Im Schein unserer Stirnlampen sahen wir Stalagmiten und Stalaktiten wie Gespenster aus dem Dunkeln hervorkommen. Wir waren allesamt begeistert. Gut gelaunt landeten wir an der benachbarten, überdachten Holzplattform, die für die Silvesternacht unser Schlafplatz sein sollte. Nach den zwei Nächten im Zelt mitten im Dschungel eine willkommene Aussicht. Wir aßen ein Festtagsmahl aus Tütenfutter, Nüssen, salzigen Snacks und Früchten. Jeder trank sein für diesen Abend wohlbehütetes Bier und freute sich über die Abkühlung, welche die abendliche Dunkelheit mit sich brachte. Im Meer begann hingegen unser kleines Feuerwerk: Biolumineszierendes Plankton leuchtete wie tausende kleine Sternchen blau auf und zog uns für den Rest des Abends in seinen Bann. Spät wurde der Abend allerdings nicht, wir haben den Jahreswechsel verschlafen.
Hier an der Plattform neben der Höhle ging die zweite Stirnlampe bei einem beherzten Sprung ins Wasser baden. Doch bei dieser Lampe konnten wir die Kontakte schnell säubern und trocknen, sodass sie weiterhin funktionierte.



Gezeitenunterschiede von bis zu 2 Metern ließen uns beim Ein- und Aussteigen sowie beim Beladen der Kajaks manchmal zu Akrobaten werden. Hier packte jeder mit an und als Team meisterten wir auch die schwierigeren Einsatzstellen. In den letzten Tagen brach allerdings Konkurrenz im Team aus: Wir wetteiferten beim Müllsammeln, denn leider trieben immer wieder Plastikflaschen oder anderer Müll auf dem Wasser.
Die Unterwasserwelt – Korallen, Haie und 1001 bunte Fische
Shark! Fünf Buchstaben reichten, um acht Leute wie von der Tarantel gestochen vom Frühstückstisch aufspringen zu lassen. Jeder von uns wollte den Hai sehen und beugte sich wagemutig über das Geländer der Restaurant-Plattform. Direkt darunter war ein Korallenriff. Wir sahen einen kleinen Riffhai sowie verschiedene Schwarmfische, Napoleonfische, Kugelfische, Nadelfische, Lionfische, Schildkröten und noch viele Fische, deren Namen ich leider noch immer nicht kenne.
Wer in Misool ist, der bleibt garantiert nicht lange über Wasser. Jeden Tag gingen wir mehrmals schnorcheln und wurden dabei immer wieder aufs Neue überrascht. Blaue, grüne, rote, orangefarbene sowie gelbe Korallen wechselten sich ab und um uns rum tummelten sich 1001 Fische. Solche Momente machten es mir leicht zu verdrängen, dass jedes Salzwasserbad meine langen Haare weiter austrocknet und verfilzt.

TIPP:
Die Luftfeuchtigkeit wird für jede Kamera zur Herausforderung und kann auch öfters mal eine Kamera killen. Achtet darauf, dass die Kamera stets gut verpackt ist. Zum Paddeln gibt es kleine wasserdichte Decktaschen, die sehr praktisch sind. Außerdem helfen Silikagel-Päckchen beim trocknen. Eine gute Variante ist auch eine wasserdichte Handyhülle oder GoPro.
Die goldenen Quallen des verborgenen Lenmakana-Sees
Quallen sind wunderschön anzusehen, jedoch meist mit Vorsicht zu genießen. Manche Arten, wie zum Beispiel die Seewespe, sind sogar tödlich. Das Gift einer Seewespe würde ausreichen, um 250 Menschen zu töten. Wer schwimmt also freiwillig in einem See mit Tausenden von Quallen? Doch genau das war es, worauf ich mich lange gefreut habe: unser Besuch des Jellyfish Lake Lenmakana.
Der Quallensee ist durch eine kurze Kletterpartie über eine steile Kalksteinklippe zu erreichen. Steile Holzleitern mit Sprossenabständen für Riesen stellen eine Herausforderung dar., doch der beschwerliche Weg lohnt sich sehr.
Der Salzwassersee wurde vor etwa 12.000 Jahren vom Meer abgetrennt und ist rund 18 Meter tief. Die eingeschlossenen Quallen der Art Mastigias papua haben sich massenhaft entwickelt und da sie keine natürlichen Feinde in dem See haben, bildeten sich ihre giftigen Tentakel mit der Zeit zurück.


Regeln für das Schnorcheln im Jellyfish Lake
Der Besuch eines Quallensees ist ein Privileg, das zwingend Verantwortungsbewusstsein der Besucher erfordert. Denn wir Menschen sind eine Bedrohung für die empfindlichen Kreaturen. Unser Guide Gilang erklärte uns deshalb, wie wir uns im Wasser verhalten sollen. Die wichtigsten Regeln sind:
- Keine Flossen oder schnelle Bewegungen
- Quallen nicht anfassen oder aus dem Wasser heben
- Nicht ins Wasser pinkeln
- Kein Sonnenschutzmittel oder Mückenschutzmittel vorher auftragen
- Nicht tauchen
Während ich fast bewegungslos auf der Oberfläche des Sees trieb, schwebten die Quallen um mich herum. Ich brauchte nichts weiter zu tun, als meine Augen zu öffnen, meine GoPro vor mich zu halten und über die Schönheit jedes einzelnen Tieres zu staunen.
Wissenswert: Im Jahr 2007 entdeckten Wissenschaftler ein Fossil einer Qualle, das über 505 Millionen Jahre alt ist. Wann lebten die Dinosaurier? Das war vor etwa 245 bis 66 Millionen Jahren. Die Quallen lebten also bereits über 260 Millionen Jahre vor den Dinosauriern.
Salzwasser, UV-Strahlen, Luftfeuchtigkeit als Garant für Haarknoten
Ich hatte am Anfang schon etwas angedeutet…Lange Haare und Trekkingtouren sind ja immer so eine Sache. Wenn ich auf meinen Touren in Schweden unterwegs war, da hab ich einfach einen Zopf geflochten, bei Bedarf gewaschen und nach der Tour konnte ich die Haare dann mit reichlich Conditioner wieder ohne größere Probleme durchbürsten. Auch nach sieben oder acht Tagen funktionierte das. Ich dachte, hier in Indonesien kann ich das genauso machen. Aber das war wohl nix: Die Luftfeuchtigkeit ließ meine Haare im Zopf kraus werden, das Licht und das Salz trockneten sie aus und es bildeten sich Knoten, an denen sich selbst ein Hai die Zähne ausgebissen hätte. Ich hatte den Korallen zuliebe keinen Conditioner eingepackt und um unser kostbares Süßwasser zu sparen, spülte ich die Haare nicht nach jedem Schnorchelgang aus. Ich hatte natürlich auch kein Haaröl oder Ähnliches zum Schutz der Haare dabei.
Nachdem ich mich nach der Kajaktour mit Conditioner, Detangler und Haaröl eingedeckt hatte, verbrachte ich etwa drei Stunden im Hotelbadezimmer. Ohne Erfolg. Mehr Erfolg hatte die Mutter von Chitra, einer Kollegin von unseren Guides von Millekul Adventures. Ihre Mutter hatte Zeit freigeschaufelt, um mich in ihrem Friseursalon zu begrüßen. Ihre Tochter begleitete mich, um zu dolmetschen. Ich war ihre erste Kundin aus dem Ausland, wie sie mir hinterher erzählte. Sie war nervös deswegen. Drei Stunden lang enttüddelte sie meine Haare. Ab und zu kamen andere Kunden oder Familienmitglieder in den Laden, setzten sich, quatschten und bestaunten meine Haarknoten.
Am Ende konnten die geschickten Hände vom Profi einen Teil meiner Haare retten und meine neue Frisur ist nun doch nicht so kurz geworden, wie ich es ein paar Tage vor der Paddeltour geträumt hatte! Ja, ich hab tatsächlich geträumt, dass ich mir meine langen Haare abschneide. Für mich ein absoluter Alptraum. Das hätte mir vielleicht eine Warnung sein sollen… Am Ende war es dann aber eine unbezahlbare Erfahrung, wie mir in einem fremden Land von Leuten, die mich nicht kennen, so geduldig und engagiert geholfen wurde. Von dieser Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft können wir alle lernen.


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