Deutschland. Es ist Anfang Dezember. Die zweieinhalbstündige Überfahrt mit der Fähre von Cuxhaven nach Helgoland kann in dieser Jahreszeit zu einem wilden Ritt werden. Aber genau jetzt lockt etwas ganz Besonderes viele Naturfreunde auf Deutschlands Hochsee-Insel: die Geburtssaison der Kegelrobben. Von November bis Januar kommen auf den flachen Sandstränden von Helgoland Düne hunderte Kegelrobben zur Welt. Ein Naturschauspiel, das seinesgleichen sucht.
Ich bin für drei Tage auf Helgoland, um die Robben zu fotografieren. Ich hoffe auf einen jener seltenen Momente, von denen Naturfotografen träumen: einer Geburt. Im Folgenden berichte ich euch von meiner Zeit bei den Kegelrobben und ihr erhaltet viele praktische Tipps für eure eigene Fotoreise zu den Robben auf Helgoland-Düne.
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Neues Leben bei den Kegelrobben
Der Wind hat die Helgoland-Düne fest im Griff. Feiner Sand peitscht über den Strand, zeichnet helle Schleier über den Boden. Die Sandkörner treffen mich wie kleine Nadeln und knirschen zwischen meinen Zähnen. Ich bin froh über meine Schutzbrille aus dem Baumarkt, durch die ich meine Augen entspannt offen halten kann. Mein Blick und meine Kamera sind fest auf eine dicke Kegelrobbe gerichtet, die sich nicht weit entfernt vom Absperrzaun auffällig nervös verhält. Nach einigen Minuten im Sandpeeling wird mein Verdacht bestätigt: An ihrem Hinterleib zeigt sich eine prall gefüllte, rote Fruchtblase.
Das Weibchen dreht sich schwerfällig auf die Seite, mal die eine, dann die andere. Sie biegt sich wie eine Banane, dreht sich im Kreis und versucht, die Fruchtblase weiter hinaus zu pressen. Die umliegenden Robben heben unbeeindruckt ihren Kopf. Der Nachwuchs lässt sich Zeit. Etwa 15 Minuten lang hängt er zur Hälfte im frischen Nordseewind von 7 Beaufort, während seine Mutter sich dreht und windet, sich biegt und im Kreis rollt. Alles ohne einen Laut von sich zu geben, weniger als zwei Meter von dem mobilen Absperrzaun entfernt, der die Besucher von den wilden Tieren trennt. Alle Beobachter halten respektvollen Abstand und schauen zu. Ebenfalls ohne einen Mucks von sich zu geben. Dann geht es plötzlich ganz schnell und ein nasses, gelbliches Bündel liegt im Sand.
Das kleine Robbenbaby öffnet sofort die Augen und wird von seiner Mutter beschnuppert und berührt. Momente der Nähe, einfach schön anzusehen. Währenddessen drängeln sich die Krähen vor dem Mutterkuchen, bevor dieser abkühlt und mit Sand bedeckt wird. Ein wildes Fressen beginnt. Das Kalb schaut mit seinen großen schwarzen Augen etwas irritiert in die Welt. Ob es die Krähe direkt vor sich schon scharf erkennen kann? Sieht es uns Fotografen? Seine ersten Bewegungen wirken zittrig, tastend. Es dauert eine Weile, bis das Kleine die Milchzitzen gefunden hat und sein Fell trocken ist. Nun ist es nicht mehr gelblich, sondern zeigt sein schönes, weißes Lanugo-Fell. An seinem Bauch hängt noch ein Stück der frischen Nabelschnur.










Wachstum in Rekordzeit – vom weißen Fellknäuel zum größten Raubtier Deutschlands
Robbenbabys kommen mit rund 10 bis 14 Kilogramm zur Welt. Aufgrund des Fettgehalts der Milch von mehr als 50 Prozent nehmen die Kälber täglich bis zu zwei Kilogramm zu und werden bald eine dicke, weiße Speckrolle. Einige Mütter bleiben dauerhaft bei ihren Kälbern, andere lassen die Jungen auch über einige Stunden allein, um fischen zu gehen. Wenn die Kälber nach 15 bis 21 Tagen abgesäugt werden, sind sie auf sich allein gestellt. Etwa zehn Tage nach dem Abstillen folgt der Fellwechsel und das weiße Wollfell wird gegen ein Schwimmfell gewechselt. Dann folgen die ersten Schwimmversuche und die junge Robbe beginnt, instinktiv zu jagen.
Ich sehe am Strand Jungtiere, die erst wenige Tage alt sind, und andere, die schon zu kleinen Speckrollen geworden sind. Sie wirken extrem unbeholfen an Land, aber sind schon sehr neugierig. Sie erkunden mit der Schnauze, tasten mit den hochempfindlichen Vibrissen, richten den Kopf nach jedem neuen Geräusch.
Kegelrobben gehören zur Familie der Hundsrobben. Ihr Verbreitungsgebiet reicht von Norwegen bis zur Ostküste Amerikas. Die Tiere, die nach Helgoland kommen, gehören zur östlichen Nordseepopulation. Sie sind die größten Raubtiere Deutschlands:
- Männchen können bis zu 300 Kilogramm auf die Waage bringen. Sie erreichen ihre volle Kraft erst mit rund acht Jahren.
- Weibchen bleiben mit 150 bis 200 Kilogramm deutlich kleiner.
- Jungtiere wiegen bei der Geburt 10 bis 14 Kilogramm.
- Die Lebenserwartung einer Kegelrobbe beträgt durchschnittlich 35 Jahre.
- Kegelrobben werden an Land bis zu 20 km/h, im Wasser bis zu 40 km/h schnell.
- Schätzungen der Überlebensrate im ersten Lebensjahr variieren je nach Standort und Bedingungen stark, von unter 50 % bis zu 85 %. Haupttodesursachen sind oft Verhungern oder Verletzungen.




Deutschlands wohl stürmischste Kinderstube
Helgoland-Düne ist im Winter kaum wiederzuerkennen. Die Sommerurlauber sind fort, zurück bleiben Stille, Wind und die größte Kegelrobbenkolonie Deutschlands. Jedes Jahr ab November wird dieser Strand zur wichtigsten Geburtsstätte der östlichen Nordseepopulation von den Kegelrobben (Halichoerus grypus).
Was wie ein karger Ort wirkt, ist in Wahrheit eine perfekt funktionierende Kinderstube:
- Strikte Abstandsregeln und Absperrungen, welche die Besucher von den Tieren trennen.
- Breiter Strand, der nie vollständig überspült wird
- Wachsame Ranger, die auf hilfsbedürftige Robbenbabys ein Auge haben und die Besucher im Blick behalten
- Fischreiche Gewässer




Die Kegelrobben liegen oft dicht an dicht. Daher sind die Strände für Menschen gesperrt. Ein Strandspaziergang, ohne die Robben zu stören oder einen Biss zu riskieren, ist dann nicht mehr möglich. Beobachten kann man die Tiere trotzdem:
Am Nordstrand gibt es einen erhöhten Holzbohlenweg in den Dünen. Von hier hat man einen guten Überblick über den Nordstrand. Die Robben liegen teilweise sehr nah bis hoch in den Dünen. Manchmal robben sie sogar über den Panoramaweg.

Der Südstrand ist bis zum Restaurant Düne (im Winter geschlossen) am oberen Rand begehbar, der restliche Strand ist durch einen stabilen Metallzaun abgetrennt. Die Robben liegen auch hier über den ganzen Strand verteilt bis hoch an den Zaun. Dann ist auch hier, trotz Zaun, Abstandhalten angesagt, da die Tiere sonst unruhig werden oder sich zu sehr an Menschen gewöhnen. Das kann dann in der folgenden Badesaison zum Problem werden, wenn sich die an Menschen gewöhnten Robben den Badenden zu sehr nähern.

Rückblick in die Geschichte von Helgoland
Helgoland und die Nachbarinsel Düne erhielten ihre heutige Form und Größe erst zur Zeit des Nationalsozialismus. Um Helgoland als strategischen Kriegshafen zu entwickeln, sollten beide Inseln im Rahmen des Projektes Hummerschere stark vergrößert werden. Dazu wurden große Teile der heutigen Insel aufgeschüttet und befestigt, sodass Form und Größe nicht mehr dem Einfluss der Gezeiten unterlagen. Auf der Hauptinsel entstanden so das Nordost- und das Südhafengelände und die Düne wurde um gut das Vielfache und der Flughafen wurde gebaut.

Kegelrobben in Deutschland – Eine Erfolgsgeschichte
Kegelrobben wurden früher in der Nordsee gnadenlos verfolgt – wegen ihres Fells, ihres Fleisches und wegen der irrigen Vorstellung, sie würden die Fischbestände dezimieren. Anfang des 20. Jahrhunderts waren Kegelrobben in deutschen Gewässern nahezu ausgerottet. Neben der Jagd, ließen auch Umweltgifte ihre Zahlen dramatisch sinken. Erst mit strengem Schutz durch das Bundesnaturschutzgesetz, internationalen Abkommen sowie der die Ausweisung des FFH-Gebietes Helgoland mit Helgoländer Felssockel begann die Population sich langsam zu erholen.
Seit der ersten Kegelrobbengeburt auf Helgoland im Winter 1996/97 gibt es einen stetigen Anstieg der Geburtenzahlen. Heute ist Helgoland der wichtigste Wurfplatz für Kegelrobben in Deutschland – und einer der wenigen Orte Europas, an denen man die Geburt dieser Tiere beobachten kann, ohne sie zu gefährden. Heute werden hier jedes Jahr um die 1000 Jungtiere geboren – Tendenz steigend.
Gesamtzahl Kegelrobbengeburten (Quelle: Verein Jordsand e.V.):
– 2024/25: über 1000 Jungtiere
– 2023/24: 850-900 Jungtiere
– 2022/23: 700-800 Jungtiere
– 2021/22: 670 Jungtiere
– 2020/21: 652 Jungtiere








Leben in der Kolonie – Nähe und Distanz
Wind treibt Sandfahnen über den Strand, die wie dünne Schleier um die Tiere wehen. Aber die Robben wirken in solchen Momenten ungerührt: Sie schließen die Augen, lassen alles über sich hinwegfegen. Zwischen den erwachsenen Tieren herrscht eine klare Ordnung: Mütter halten Abstand voneinander, Jungtiere liegen weiträumig verteilt und Männchen patrouillieren am Rand. Obwohl die Kolonie dicht wirkt, berühren sich die Tiere selten.
Die häufigsten Verhaltensweisen, die ich beobachte sind:
- Kontaktlaute zwischen Mutter und Jungtier, Säugen, spielerischer Körperkontakt zwischen Jungtier und Mutter
- Schutz des Jungtiers vor anderen Robben
- Aufbäumen und Drohen, insbesondere zwischen Männchen, aber auch die Weibchen, gingen sich gegenseitig an, wenn eine zu nah kommt.
- Scheinangriffe, die oft nur aus tiefer Kopfhaltung und geöffnetem Maul bestehen
- Blutige Kämpfe zwischen den Bullen
- Annäherung der Bullen an die Weibchen, denn die Paarung erfolgt gleich nach Abstillen der Jungen. Meist werden die Bullen vertrieben, aber zweimal konnte ich eine Paarung beobachten.




Paarungszeit im Winter
Während die Jungtiere noch unbeholfen am Strand liegen, beginnt für die erwachsenen Tiere die Paarungszeit. Die Männchen warten, beobachten, zeigen Präsenz. Sie haben genau im Blick, wann eines ihrer Weibchen bereit zur Paarung ist. Nähern sich die Männchen dem Weibchen jedoch zu früh, werden sie schroff zurückgewiesen.
Die stattlichen Bullen verteidigen ihr Harem (typischerweise fünf bis sieben Weibchen) vehement gegen Eindringlinge und Konkurrenten. Gewaltige Kämpfe sind selten – die meisten Rivalitäten werden durch Körperhaltung, Lautäußerungen und gegenseitiges Einschüchtern entschieden.
Nach der erfolgreichen Paarung tritt die befruchtete Eizelle in eine Keimruhe von rund drei Monaten ein. Erst danach beginnt die rund achtmonatige Embryonalentwicklung. So wird es möglich, dass die Geburt wieder im Winter stattfindet. Dann, wenn die meisten Weibchen genügend Energiereserven aufgebaut haben, um mehrere Wochen zu säugen.


Der Moment, der bleibt
Als ich am Abend den Strand verlasse, liegt das Kalb, dessen Geburt ich miterlebt habe, dicht an seine Mutter geschmiegt. Sein Fell ist nicht mehr feucht und leuchtet weiß. Es schaut neugierig um sich, wirkt satt und zufrieden. Der Moment, wie das Robbenbaby aus der reißenden Fruchtblase auf den Strand fiel und dort als nasses, hilfloses Bündel in den sandgefüllten Windböen lag, hat sich in meiner Erinnerung eingebrannt.
Helgoland-Düne zeigt im Winter ihre raueste Seite. Und gleichzeitig ihre Zärtlichste. Hier wächst neues Leben heran und die Natur erzählt eine ihrer ältesten Geschichten. Still. Wild. Und jedes Jahr aufs Neue.







Verhalten bei den Kegelrobben
Kegelrobben sind das größte Raubtier Deutschlands und sind mit Respekt und Rücksicht zu behandeln. Für die erfolgreiche Aufzucht der Jungtiere und für eure eigene Sicherheit beachtet bitte Folgendes:
- Informiert euch bei den Rangern und den Mitarbeitern des Vereins Jordsands e.V. über die aktuelle Begehbarkeit der Strände und vorhandene Einschränkungen.
- Es kommt vor, dass ihr Robben außerhalb der Absperrungen trefft. Haltet auf frei begehbaren Flächen unbedingt einen Abstand von 30 Metern zu den Tieren ein.
- Jungtiere, die durch zu engen Kontakt mit dem Menschen geprägt werden, erschweren mitunter einen sicheren und unbeschwerten Badebetrieb im Sommer. Sie nähern sich Badegästen furchtlos an.
- Begebt euch nicht in die Nähe von Bullenkämpfen, die Tiere können an Land etwa 20 km/h schnell werden und sind aufgrund der Paarungszeit besonders aggressiv.
- Schneidet den Tieren nicht den Zugang zum Wasser oder vom Wasser zum Land ab. Begebt euch niemals zwischen Kalb und Muttertier.
- Starke Störungen können die sensible Bindung zwischen Mutter und Jungtier nachhaltig stören, was zu einer hohen Jungtiersterblichkeit im ersten Lebensjahr führen kann.


Fototipps für Kegelrobben auf Helgoland-Düne
Zugang zum Strand:
Die Strände sind während der Wurfzeit weitgehend gesperrt. Am Nordstrand gibt es einen erhöhten Panoramaweg, von dem aus man beobachten kann, und am Südstrand kann man den Strand bis zu einem abgrenzenden Metallzaun bis hin zum Dünenrestaurant begehen.
Perspektive:
Da die Kegelrobben am Boden liegen, werden die Bilder am besten gemacht, wenn man auch selbst am Boden liegt. Das geht nur am Südstrand, wo der Metallzaun ist.
Brennweite:
Ich habe die meisten Bilder mit einem 200-600 mm Teleobjektiv gemacht. Leider war das Objektivende im Durchmesser zu groß und ich konnte daher den Metallzaun nicht als Stativersatz verwenden. Ich konnte aber dennoch gut, auch bodennah, fotografieren. Das 100-400-mm-Objektiv hätte besser gepasst. Ein Standardobjektiv lohnt sich auf jeden Fall, um die Landschaft und die Robben in ihrem Habitat zu fotografieren.
Beste Reisezeit:
Die Wurfzeit reicht von November bis Januar. Als ich Anfang Dezember auf Helgoland-Düne war, waren bereits etwa 700 Jungtiere geboren und es gab viele verschiedene Altersstufen. Die besten Chancen, eine Geburt zu sehen, hat man Ende November.
Beste Tageszeit:
Ich konnte über den Tag keine unterschiedlichen Aktivitätsmuster bei den Kegelrobben erkennen, aber es heißt, dass sie morgens am aktivsten sind. Darüber hinaus sind wegen des schönen Lichtes der Morgen und Abend besonders schön. So kann man morgens schöne Gegenlichtaufnahmen machen.
Sand und Regen:
Grade in Bodennähe weht am meisten Sand und es ist kaum vermeidbar, dass die Kamera abbekommt. Wer mag, bringt sich eine Schutzhülle und UV-Filter mit. Bewährt hat sich ein Pinsel zum Abbürsten der Sandkörner am Ende des Tages.
Verpflegung, Aufwärmen, Toilette:
Alles zur Verpflegung mitbringen. Trinkwasser kann man in den Toiletten am beheizten Ausstellungs-/Aufenthaltsraum am Fähranleger nachfüllen. Dort gibt es auch Stromanschlüsse sowie Tische für eine Mittagspause.
Anfahrt zur Düne:
Die erste Dünenfähre geht Anfang Dezember morgens um 8 Uhr, Hin- und Rückfahrt kosten 6 Euro. Mehr Infos hier.


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